Tuesday, January 20, 2009

Oi, lucky lucky, oi!

Am Wochenende stand auf dem Plan, mal die Gurgaoner Partyszene auszukundschaften.

Daher ging es am Freitagabend zu allererst in eine so genannte „Mikrobrauerei“, in der Bier in Reagenzgläsern serviert wird, wovon es nicht besser schmeckt, und Menschen, die nicht mehr bauchfrei tragen sollten, zu Bon Jovi tanzen. Danach haben wir einmal geschaut, was denn unsere Altersgruppe so treibt, und uns auf die Eröffnung eines Clubs getraut. Auch dort wurde aus Reagenzgläsern getrunken, allerdings diesmal den guten alten Jägermeister, der durch Mischung mit irgendeinem Geheimcocktail zu einer blau leuchtenden Masse mutiert war und die Kundschaft des Clubs gut in Trab hielt. Das war auch bitter nötig, denn bis 10 Meter vor die Tür der Disko war an Unterhaltung nicht zu denken. Die Barkeeper waren daran offenbar schon gewöhnt und waren Meister in der Disziplin „lustiges Getränkewunschraten“. Da ich allerdings leider kein Fan von Jägermeister bin und auch nicht mehr als, naja, viereinhalb Minuten zu indischem Techno auf 90 Dezibel tanzen kann, habe ich den Grossteil des Abends im Garten verbracht, wo sowieso mit den Rauchern immer die interessanteren Leute stehen. Insgesamt bin ich glaube ich noch nicht zu 100% überzeugt, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich nicht genug Reagenzgläser hatte.

Am nächsten Tag gab es noch eine ganz typische indische Besonderheit: die Nachmittagsgeburtstagsparty. Da hier nie unter 1000 Gästen geheiratet wird, lässt man sich natürlich auch bei Geburtstagsfeiern nicht lumpen. Und wenn man sich die Miete von einem Nachtclub am Samstagabend nicht leisten kann, dann wird der halt am Samstagnachmittag gemietet! So fanden wir uns also nachmittags um zwei in einer hippen Disko in Gurgaon wieder, in die massenweise Tageslicht fiel, was jedoch den motivierten Freundeskreis von etwa fünfzehn Personen überhaupt nicht zu stören schien. Die sprangen laut schreiend über die Tanzfläche, und auch dort wurde mit Dezibel und starken Getränken nicht gespart. Als Ausländer waren meine Freundin und ich jedoch die absoluten Ehrengäste und durften auch als Allererste von dem Stück Kuchen abbeißen, von dem die ganze Gesellschaft essen musste und dessen Reste daraufhin großflächig im Gesicht und in den Haaren des Geburtstagskindes verteilt wurden. Pünktlich um sechs wurde der Laden geräumt und die hundert Luftballons wieder eingesammelt – wahrscheinlich für den nächsten Geburtstag! Als Abschluss gab es noch einmal den ohrenbetäubenden aktuellen Superhit „Oi, lucky lucky, oi!“ und eine Menge scharfes Essen, das wie immer in Indien in der letzten Minute aufgetischt und dann innerhalb von Sekunden vertilgt wurde – was sehr bewundernswert ist, wo es doch kein Besteck gibt. Nachdem ich also mit viel Mühe in drei Jahren erlernt habe, mit Stäbchen Reis zu essen, darf ich jetzt auf Finger umschulen – und dabei wird die Hand nicht in den Mund, die Zunge aber auch nicht rausgesteckt! Bleibt nur – werfen?

Am Samstagabend wurden wir von einem Nebel überrascht, wie ich ihn vorher noch nie gesehen hatte. Aus dem dritten Stock schaute man nur auf eine große weisse Wolke, und für 2km Heimfahrt hat mein armer Fahrer sich anderthalb Stunden Meter für Meter über den Asphalt testen müssen. Von der Strasse aus war keine der beiden Strassenseiten zu sehen – das wäre schon in Europa schlimm, aber stellt euch das mal mit tausenden freilaufenden Tieren vor!



Am Sonntag habe ich diese ganzen kulturellen Erfahrungen dann erstmal verdauen müssen – in möglichst neutralem Ambiente, das heißt hier im schönen Crowne Plaza Hotel beim Brunch, mit Meeresfrüchten und Prosecco, von zwölf bis vier Uhr nachmittags. Danach gab es eine schöne Shiatsu-Massage, Sauna und Dampfbad zum Ausklang des Wochenendes. So bin ich jetzt also total tiefenentspannt und lasse mich auch nicht mehr davon aus der Ruhe bringen, dass hier nach letzten Statistiken durchschnittlich zwölfmal am Tag der Strom ausfällt und ich deswegen auch morgens immer vom Dieselgenerator vor meinem Fenster geweckt werde, der den Zeitraum überbrückt, in dem alle Maschinen eingeschaltet werden.

Außerdem könnte es ja immer noch schlimmer sein! Die Kollegen von Lufthansa und KPMG zum Beispiel haben nicht halb so viel Glück mit ihrem Gebäude wie wir, sie sitzen und arbeiten nämlich schon seit Wochen in diesem schicken Hochhaus. Wir gehen das Ganze also mit der indischen Denke an: schau nicht dahin, was du nicht haben kannst, sondern dahin, wie schlimm es sein koennte!


1 comment:

vaerer said...

Liebe Nadine, den Hit muss ich unbedingt hoeren! Mein letzter Stand ist ja immer noch "Do you want a partner..." ;-)
Also, in Goa wart Ihr also nich. Wohin geht's denn zu Chunjie? JLG! V