Hallo alle zusammen,
eine kurze Meldung von mir am Ende dieser ersten Arbeitswoche.
Die Tage im Büro sind unglaublich spannend. Man weiß gar nicht zu schätzen, was es bedeutet, über eine gute Infrastruktur zu verfügen – und hiermit meine ich nicht nur Strassen (oder auch Straßennamen, die es hier auch nicht gibt), öffentlichen Nahverkehr und ein Netz an Geldautomaten. Was in Gurgaon fehlt, ist auch eine Infrastruktur der Informationen, und das erschwert Arbeit und Leben unglaublich.
Allein die Suche nach einer Sim-Karte für mein Handy hat mich drei halbe Tage gekostet (Denn hier darf nicht einfach jeder, der bezahlt, telefonieren! Wo kämen wir denn da hin?). Es gibt keine bewährten Serviceunternehmen, keinen Ansprechpartner für die Internetverbindung, keine zuverlässige Reiseagentur, und niemand kennt einen Druckshop, der Visitenkarten drucken kann. Immobilienagenten bieten ohne mit der Wimper zu zucken Wohnungen für 4000 Euro an und wissen genau, dass es so schwer ist, etwas zu finden, dass man auf sie angewiesen ist. Es gibt kein Magazin, das sich mit den Belangen und Bedürfnissen von ausländischen Unternehmen befasst, und kein Telefonbuch, in dem man nach einem Klempner suchen könnte. Von Ampeln, Polizisten oder ähnlichen Späßen wollen wir erst gar nicht reden! Das einzig verlässliche Netzwerk ist das der Malls, also Einkaufszentren, die, ja nach Ausführung, von internationalen Marken bis lokalen Supermärkten alle möglichen Geschäfte beherbergen. Ihr meint, da hätte es bestimmt auch eine Telefonkarte gegeben? Fehlanzeige… und selbst wenn, wäre mein Antrag daran gescheitert, dass ich keine drei Passbilder beim Einkauf mit mir trage.
Gurgaon ist also eine Ansammlung von mehr oder weniger modernen Malls, und dazwischen sind einige Bürogebäude verstreut. All diese Projekte liegen jedoch so weit von einander entfernt, dass man die Stadt unmöglich erlaufen kann, wozu noch kommt, dass man als westliche Frau pausenlos angestarrt wird und jede Sekunde damit rechnen muss, dass ein vorbeifahrender Motorradfahrer die Tasche mitnimmt, die grad noch am eigenen Handgelenk baumelte. Im Gegensatz zu Delhi ist Gurgaon nämlich noch größtenteils, wie sollte es auch anders sein, von Bauarbeitern vom Land bevölkert. Von den Bussen hier schicke ich euch mal ein Bild – und die einzigen Taxis, die es gibt, müssen bis zu vier Stunden im Voraus gebucht werden. Daher macht ein persönlicher Fahrer tatsächlich Sinn, weswegen ich jetzt in der luxuriösen Situation bin, dass ich jeden Tag zur Arbeit und wieder zurück chauffiert werde von Bhola, der sich sogar die Mühe macht, die frische Blumenkette am Rückspiegel fast täglich auszutauschen. Sein Vorgänger Ramesh war leider ein bisschen aufdringlich end brachte es sogar so weit, mich ins Kino einladen und mir Getränke anbieten zu wollen, bei denen ich nicht wusste, was in der Flasche war – aber ich drücke mal die Daumen, dass ich mich mit Bhola besser verstehe. So schön kann das Leben also sein! Allerdings muss ich zugeben, dass mir das Laufen jetzt schon fehlt – zumal ich den Eindruck habe, nie Zeit „allein mit Indien“ verbringen zu können. Ich hoffe, das wird sich am Wochenende ein bisschen ändern! Ich werde ein paar Wohnungen besichtigen und mit meiner Kollegin Pallavi auf ein Konzert gehen, in dem ihr Mann, seines Zeichens Schlagzeuger in einer bekannten indischen Rockband, mitspielt – ich bin schon sehr gespannt!
Davon abgesehen bleibt zu berichten, dass Inder sich oft die Haare färben, was meistens lustig aussieht; ohne falsche Scham ihren Vollbart mit Haargel zementieren und das Ganze mit einem Haarnetz sichern, dass sie hinter die Ohren klemmen; mit Vorliebe ihre LKWs in allen Regenbogen bemalen; ziemliche Chauvinisten sind, einer Dame aber trotzdem (oder deswegen?) nie den Vortritt lassen; und ihre Strassen friedlich nicht nur mit Kühen, sondern auch einer Menge Wildschweinen, Affen, Ziegen und Eseln teilen.
Ich freue mich auf das Wochenende und darauf, hoffentlich bald ein „richtiges“ Zuhause zu finden, in dem ich mich ein bisschen breitmachen kann. Vom 27.11.-30.11. bin ich für den schottischen Ball wieder in Peking und hoffentlich ab dem 19./20.12. für die Weihnachtsfeiertage in Deutschland – voraussichtlich zwei Tage in Berlin und dann in Mainz und Freiburg bei Davids Familie.
Euch allen ein schönes Wochenende!
PS: Ich würde euch wirklich gern ein paar mehr Fotos zeigen, aber aus irgendeinem Grund gestaltet sich das Hochladen von Bildern in diesen Blog als technische Unmöglichkeit. Ich werd versuchen, dafür eine bessere Lösung zu finden!