Nachdem ich mir gerade eine wahre Ungeheuerlichkeit in Form eines (Rinder-!)Steaks im Hotelrestaurant geleistet habe, ist es Zeit, schnell etwas Nettes über Indien zu schreiben, damit ich überhaupt noch eine Chance aufs Nirvana habe.
Am Wochenende habe ich feststellen dürfen, dass nicht ganz Delhi wie Gurgaon ist. Puh! Ich hatte ja schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Stattdessen tut sich nach zehn Kilometern langweiliger Schnellstrasse eine bunte Mischung aus Parks, richtigen Strassen mit richtigen Geschäften und vor allem endlosen Massen an spazierenden, essenden, tanzenden, wartenden und spielenden Menschen auf. Strassen in Delhi sind im Gegensatz zu Gurgaon eng und überfüllt, und eine Fahrt durch sie eine wahre Herausforderung für alle Sinne. An jeder Ampel klopft die Armut in Gestalt von heruntergekommenen Kindern an die Fensterscheibe; Kühe und Bettler teilen sich auf den Kreuzungen friedlich die Müllreste; fliegende Händler stapeln kunstvolle Pyramiden aus Orangen und Zitronen auf wacklige Fahrgestelle, und hundert-Mann-starke Blaskapellen blockieren für Stunden die Strassen, um den Geburtstag eines Gurus zu feiern, der seit über 500 Jahren tot ist (Da sind Christen natürlich viel vernünftiger!).
Das Blaskapellen-Publikum wartet schon ganz gespannt!
Auf dem Weg lief mir auch ein eher ungewohnter Verkehrsteilnehmer vor das Auto, der sich allerdings braver an die Spurenmarkierung hielt als die meisten Autofahrer; mir war ehrlich gesagt nicht ganz klar, dass Elefanten hier so zum Straßenbild gehören!
In diesem ganzen Chaos war ich also auf der Suche nach einer Wohnung, wo alle Reichen, Schönen und UN-Angestellten wohnen. Delhi hat in dieser Hinsicht wirklich etwas zu bieten: traumhafte Dachgärten mit kleinen Hindu-Altären, schöne Steinfussboeden und rosenbehangene Balkons. Noch habe ich nichts Perfektes gefunden, da ich gern unter einer Stunde Fahrtzeit zur Arbeit bleiben würde; aber vielleicht ist ja morgen etwas dabei. Die Preise für solche Kleinode sind allerdings astronomisch: unter 2000 Euro ist kaum eine Wohnung zu bekommen, in der nicht der Schimmel die Decken hochläuft.
Am Samstag war ich auf einem Konzert der Musikhochschule, die ihr ganzes über das Jahr anstudiertes Wissen in eine Liedersammlung gepackt und leider auch gesungen hat. Hoffentlich sind sie nicht schon im letzten Semester! Das Publikum bestand größtenteils aus den Freunden der jungen Frauen, die auf der Bühne ihr Bestes zu geben versuchten, so dass wenigstens nicht zu viele Zuhörer wie ich zu Schaden kamen. Zum Glück wurden der eigenwillige Kompositionsstil und die schlecht abgestimmten Instrumente in regelmäßigen Abständen von einer Wolke aus Trockeneis (wir reden von einem Chorkonzert!) sowie einer Lichtshow kaschiert, die sich gewaschen hatte: der Lichttechniker hatte sich offenbar vorgenommen, während jeden einzelnen Stücks die volle Bandbreite der ihm zur Verfügung stehenden Effekte zu nutzen, so dass einem nach zehn Minuten vor lauter psychedelischen Spiralen, Serienblitzen und vielfarbigen Wellen ganz schwindlig wurde. Das Ganze wurde von einem finalen Michael-Jackson-Medley gekrönt, das (wie jedes Medley, meiner Meinung nach) mit der Musik dasselbe mache wie ein Pürierstab mit einem Viersternemenü.
Im Büro geht es mächtig schnell voran: jetzt sitzen wir sogar schon an richtigen Schreibtischen, und im Fahrstuhl brennt Licht! Aber auch wir müssen gut auf unsere Bauarbeiter aufpassen: erst am Wochenende sind beim Innenausbau in unserem Gebäude (auf einem anderen Stockwerk) Schweißer zu nah an eine Sauerstoffflasche gekommen, was drei Menschenleben gekostet hat.
(Auch das ist Bau in Indien: beim Abriss fängt man offenbar von unten an!)
Drückt mir die Daumen, dass es in den nächsten Tagen mit einer Wohnung klappt – langsam hab ich das Gefühl, im Hotel zu versauern! Wenigstens hat seit zwei Tagen die Bar geöffnet – da lässt es sich nach der Arbeit noch ganz gemütlich lesen. Gerade habe ich einen Roman mit dem schönen Titel „Holy Cow!“ angefangen, in dem sich eine Ausländerin erst nach einer beinah tödlichen Lungenentzündung mit Indien anfreunden und sich selbst finden kann – hoffentlich bleibt mir diese Grenzerfahrung erspart!
Euch ganz liebe Grüsse!
Eure Nadine

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