Nach den Schrecken dieser Nacht bin ich sehr froh, dies aus einem komfortablen Hotelzimmer zu schreiben, in dem nur alle 10 Minuten der Strom ausfällt, was mein Computer jedes Mal mit einem leidenden Piepser bezeugt, aber daran wird er sich wohl gewöhnen müssen.
Nachdem der siebenstündige Flug schon nicht ganz leicht war (was größtenteils an meinem Sitznachbar lag, dem alle fünf Minuten etwas Neues einfiel, mit dem er mich oder die Stewardess belästigen konnte), war ich ziemlich froh, dem Gepäckbereich entkommen zu sein, in dem beturbante vollbärtige Männer mit Maschinengewehren um die Bänder schlichen und mir nicht gerade den Eindruck von Sicherheit vermittelten. Umso größer mein Schreck, als selbst nach mehrmaliger Suche im zugegebenermaßen eher überschaubaren Ankunftsbereich auf keinem Schild mein Name stand! Gefolgt von einer immer größer werdenden Traube illegaler Taxifahrer, die meine Verzweiflung offenbar rochen, tigerte ich also gut eineinhalb Stunden durch die Massen. Als offensichtlich war, dass mein Fahrer nicht einfach im Auto eingeschlafen war, startete ich also den Versuch, das Hotel zu erreichen und dafür 1. an Geld zu kommen (der einzige Automat im Gebäude war defekt und sah so aus, als sei er das schon seit einigen Jahren); 2. Geld zu tauschen (zur großen Freude des Tauschbüros, dem ich meinen einzigen Zwanzigeuroschein präsentierte), 3. ein funktionierendes Telefon zu finden (Hallelujah! In 20 Minuten erledigt), nur um 4. festzustellen, dass das Ibis-Hotel das mit der Nachtbesetzung wohl nicht so ganz wörtlich nimmt und selbst nach 10 Minuten Klingeln niemand ans Telefon geht.
Mit Schrecken kamen mir die in meinem Reiseführer dramatisch beschriebenen Szenarien in den Sinn. „Was man NICHT machen sollte: Taxi am Flughafen nehmen! Alle wollen dir Geld abknüpfen! Tausende illegale Taxis! Gepäckdiebstahl! Entführungen! Bomben von religiösen Fanatikern!“ Angesichts meiner mageren Auswahl an Optionen machte ich mich aber dann doch auf der Suche nach dem offiziellen „Prepaid-Taxi“-Schalter, auf den Herr Baedeker so vehement verwiesen hatte. Mooooment – könnte es diese Pappbude gewesen sein? Wo niemand Englisch spricht oder je von meinem Hotel gehört hätte? Wo mir ein Preis von 475 Rupien gesagt wird, aber mit Nachdruck darauf bestanden wird, dass ich zu meinem 500 Rupien-Schein noch 100 dazulege? Ihr meint nein? So ging’s mir auch – der war’s aber. Bewaffnet mit einem mir unverständlichen Buchungszettel mache ich mich also auf den Weg zur Taxischlange, muss aber feststellen, dass sowohl das Konzept von „Taxi“ als auch das von „Schlange“ hier nicht sonderlich erfolgreich zu sein scheint. Stattdessen kommt mir ein Mann hinterher gerannt und schreit mir wenig überzeugend eine Nummer zu, mit der ich nichts anfangen kann, bis er sie mir auf dem ominösen Zettel in meiner Hand zeigt. Und das ist nun meine Versicherung, dass dieser Halbwüchsige legitim ist? Als er mich mit Nachdruck zu einem Auto bringt, gegen den der Tata von letztem Jahr als Reisebus durchgeht, ist mir schon alles egal.
Aus Mangel an einem Kofferraum wird mit meinem Gepäck geschickt jeder Blick in den Rückspiegel blockiert und ich auf den Beifahrersitz verfrachtet („Noooo, Madam, you sitting on driver’s seat, this is India! We drive on other side!“). Da die Beifahrertür schief in den Angeln hängt, mir immer der Deckel des Handschuhfachs auf den Schoss fällt und der Ganghebel im zweiten Gang ungefähr die Hälfte des Beifahrersitzes einnimmt (und in den dritten schafft man es kaum), ist meine Position nicht gerade luxuriös, und 40 Minuten Buckelpiste machen es nicht unbedingt besser. Sagte ich Buckelpiste? Ach was. Dafür müsste es ja erst einmal einen Straßenbelag geben, in dem Buckel sein könnten! Mit so Kleinigkeiten wird sich hier offenbar nicht herumgeschlagen. Während der ganzen Zeit unterhält mich der Fahrer in einer Sprache, die ich nicht verstehe, die sich aber manchmal verführerisch englisch anhört – im nächsten Moment allerdings schon wieder gar nicht mehr. Ich meine, es ging um Infrastruktur („Madam! 100km road and have to change suspension again! Roads terrible!“), den Stadtteil Gurgaon (“Many many shopping centers! But roads terrible!”), und die Göttin Shiva (“Great shiva statue in Gurgaon! But roads terrible!”), aber es könnte genauso gut um den letzten Bollywood-Klatsch gegangen sein.
Da ich mir bis zum Ende nicht sicher war, wo diese Reise enden würde, war das Erscheinen des Ibis-Schilds in einer fernen Staubwolke eine echte Erleichterung. Selbst die Bombenkontrolle an der Einfahrt überstand das Auto (mit Spiegeln wird die Unterseite des Autos untersucht), und oh Wunder!, sogar die Rezeption war besetzt. Dort bedauerte man meine Umstände zutiefst, ging jedoch innerhalb von 20 Sekunden zu Zahlungsformalitäten über, ohne zu würdigen, dass ich (in meiner Wahrnehmung) gerade mindestens zehnmal dem Tod, oder zumindest der sicheren Entführung, von der Schippe gesprungen war. Was soll’s! Hauptsache, angekommen.

Blick aus dem Hotelzimmer auf die wunderbare Golf Course Road
Die Nacht im weichen Hotelbett hat mich dann doch für den rauen Empfang entschädigen können. Heute Mittag haben mich außerdem mein Chef und seine Frau zum Essen eingeladen – und zwar, na ratet mal? – zum Chinesen! Was eine Erleichterung, dass ich nicht gleich die ganze Bandbreite aller Currys ausprobieren musste. Morgen geht’s dann früh ins Büro und an die Arbeit!
Bis dahin – Namaste!
Bis dahin – Namaste!

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